Wissenswertes über das Mundstück
einer Klarinette war für mich schon während meines Studiums eines
der wichtigsten Dinge, die ich lernen wollte. Doch wer weiß überhaupt etwas über Bahnen und Innenräume
und vorallem wer wollte sein Wissen auch weitergeben?
Nun wie auch immer habe ich mir von vielen netten Leuten den
ein oder anderen Fingerzeig und sogar manchen Geheimtip abgucken können. Dabei habe ich für
mich die wesentlichsten Dinge gelernt und bin in der glücklichen Lage, in den folgenden Zeilen ein
wenig für Aufklärung sorgen zu können.
Der Mundstück Rohling
und die Beschaffenheit sowie die Maßgenauigkeit seiner Innenräume sowie der Bahn des Mundstück s
sind von entscheidender Bedeutung für Intonation und Klangfarbe des gesamten Instruments.
Das Material
selbst aus dem ein Klarinettenmundstück ( im folgenden mit M. bezeichnet ) gemacht ist
hat schon eine Funktion und bildet die Grundlage für ein rundes geschlossenes Klangbild. Hier ist besonders
beachtenswert, dass sich die Spitze des M.-schnabels weder gar dauerhaft verbiegen lässt noch dass das M. selbst
in hohem Maße mitschwingt bei der Tonerzeugung. Schwingen soll alleine das Klarinettenblatt.
Je höher also die Eigendämpfung des Materials ist desto runder dunkler und satter ist der klangliche
Gesamteindruck. Moderne Kunststoffe wie ABS oder Acrylate mit diversen Zusätzen tragen diesem Sachverhalt Rechnung,
während von dünnwandigem weichem Kautschuk eher abzuraten ist. Mit M. aus Edelhölzern erreicht man zwar
klanglich sehr gute Ergebnisse, allerdings ist die Maßgenauigkeit der M.- bahn nicht auf Dauer gegeben, so dass auch
diese Möglichkeit in der Praxis meist ausscheidet.
Die Bohrung
des M. muss zu den Gegebenheiten des Instruments passen. Ist sie zu eng,
wie dies oft bei billigeren Varianten vorkommt, ist die gesamte Intonation des Instruments zu hoch, jedoch die hohe Lage,
ab dem c''' sowie die kurzen Töne g'-b' sind zu tief. Der gesamte Klangeindruck ist dann auch
meist sehr hell.
Anders verhält es sich bei zu großer Bohrung : Die Intonation insgesamt ist tief, der Klang ist dunkel,
dafür aber weniger geschlossen und die hohe Lage sowie die kurzen Töne sind eher hoch. Letzteres bemerkt man oft
bei alten Holzmundstücken.
Der Schacht
als Verbindungshöhle zwischen Bahn und Bohrung hat die wichtige
Funktion einer Nahtstelle. Hier trifft die Schwingung der Blattunterfläche auf die jeweils angeregte Eigenresonanz der
Tonröhre des Instruments. Er muss also einerseits die Blattschwingung an die Luftsäule weitergeben und andererseits
ausreichend Rückkopplung mit der Luftsäule zulassen.
Damit nun die eingeblasene, bereits schwingende Luft mühelos strömen kann, sollten die Wandungen dieses M.-teils
glatt und ohne größere Riefen oder Rillen gestaltet sein. Der Übergang der Dachfläche auf der Innenseite
sollte idealer Weise ohne Knick oder Bruch in die Bohrung übergehen. Die Tiefe der Tonkammer, wie der Schacht auch
genannt wird, beeinflußt wiederum die Klangfarbe und natürlich auch die Intonation; denn die Länge der
gesamten Luftsäule wird an dieser Stelle des M. beeinflusst.
Ist das Dach stärker in sich gekrümmt und die Tonkammer somit größer, so ist das Klangbild runder und
voller, die Intonation aber wieder tiefer. Bei engerer Tonkammer und gerader oder sogar nach innen gewöbter Dachform ist
das Gegenteil der Fall, der Klang wird heller ausfallen und die Intonation muss durch andere geeignete Maßnahmen wieder
nach unten korrigiert werden.
Die Mundstücksbahn
ist der wesentlichste Teil dieses Kopf- und Herzstücks der
Klarinette. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Suche nach der passenden Bahn meist einen stolzen Zeitraum im Leben eines
Berufsklarinettisten einnimmt, will ich hier erst einmal die allerwichtigsten Eigenschaften einer Bahn aufzeigen, so dass
die gröbsten Fehler eines M. aufgedeckt werden können.
Die Blattauflage
oder auch Tisch genannt, sollte plan sein oder in Längsrichtung eine leichte Senke
aufweisen ( ich rede hier von wenigen Hundertstel Millimetern ).
Die beiden Schenkel
sollten absolut gleich sein und sowohl in ihrem Verlauf zur
Spitze wie auch zum Tisch hin kontinuierlich sein und keine Unterbrechungen aufweisen.
Die Spitze
sollte sich als letztes Teilstück von den Seiten her schließen, bzw.
in einem Stück den Abschlussbogen der Bahn bilden. Nur wenn die Blattunterfläche schon von der Auflage weg
kontinuierlich auf beiden Schenkeln symmetrisch abrollen kann und das M. an der Spitze dicht verschließen kann,
sind die Bedingungen zum Blasen wirklich optimal. Die gesamte M.-bahn bildet sozusagen eine in den Raum gekrümmte
Ebene und weist in ihrem Verlauf keinerlei Absätze oder Unterbrechungen auf.
Wie kontrolliert man nun in der Praxis
die Beschaffenheit seines Mundstücks?
Nun in den Fällen Material, Bohrung und Tonkammer verlässt man sich vielleicht besser auf den Rat von
Spezialisten, die entsprechende Messwerkzeuge zur Hand haben und über das nötige Wissen verfügen. Auf
jeden Fall ist man mit allen handelsüblichen M.-modellen ab einem Preisniveau von etwa 75,- € in diesen Belangen
auf der sicheren Seite. Die Qualität der M.-bahn allerdings kann man schon eher einmal selbst nachsehen.
Man nimmt zu diesem Zweck eine Glasplatte von etwa 120 x 40 x 6 mm, die einem jeder Glaser für wenig Geld anfertigt,
und legt diese auf die M-bahn.
Um die Berührungspunkte von Mundstück und Glas besser erkennen zu können, empfiehlt es sich, vorher mit
etwas Fett am Finger ein- oder zweimal über die Bahn zu streichen, so dass ein hauchdünner Film haften bleibt.
Die nun zu sehenden Kontaktpunkte sollten einmal die beiden Schenkel oberhalb des Tisches sein ( Kontaktpunkte auf
gleicher Höhe ! ) und zum anderen das untere Ende der Blattauflage.
Rollt man nun das M. in Richtung Spitze auf der Glasplatte ab, so sollten die Kontaktpunkte der Schenkel links und rechts
gleichzeitig und im gleichen Maß nach oben wandern. Der Abschlussbogen sollte schließlich erst am Ende der
Schenkel als Ganzes sichtbar sein.
Sind die Kontaktpunkte nicht ganz nach vorne gerollt und die Spitze ist schon zu sehen, so schnarrt das M., was nicht gerade
erwünscht ist.
Legt man die Glasplatte so auf die Bahn, dass die Mundstücksspitze etwa in der Mitte aufliegt, aber
der Rand der Platte höchstens 1-2 mm von oben her über den Tisch ragt, so kann man sehen, ob die Kontaktpunkte
auch sauber und gleichmäßig zur Auflage hin verlaufen. Der Kontaktpunkt auf der Auflage ist natürlich etwas
breiter und sollte ebenso wie die Spitze in einem Stück sichtbar werden. Bewegt sich ein Kontaktpunkt beim Rollen etwas
schneller als der andere, so ist das Mundstück schief und somit unbrauchbar. Ein Kontaktpunkt darf auch nicht
abreißen und weiter vorne wieder sichtbar werden, das zeugt von einem Loch oder einer Schramme in der Bahn.
Rollen die beiden Kontakte nicht sauber auf die Blattauflage auf, so ist zu erwarten, dass zum
einen das Instrument insgesamt schwer anspricht, zum anderen ist kein rundes elegantes Legatospiel möglich, da die
Schwingung des Blattes beim kleinsten Tonübergangswiderstand abbricht. Überdies erschwert ein solcher Bahnfehler
das so sehr gewünschte flexible Klangfarbenspiel.
Damit sind wir vorläufig am Ende unserer kleinen Exkursion, die natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit
erhebt; denn über die Tricks und Kniffe, sowie das handwerkliche know how kann man leicht ein Buch schreiben, das in den
Kreis der Sekundärliteratur zu " Zen in der Kunst des Bogenschiessens " aufzunehmen wäre.
Aus ebendiesem Grund rate ich auch dringend davon ab, nach dieser kleinen Beschreibung irgendwelche Änderungen am eigenen
Mundstück vorzunehmen. Ich selbst habe mehrere Schuhkartons alter Holzmundstücke verschlissen, bevor eine halbwegs
brauchbare Mundstücksbahn dabei herauskam, die diesen Namen auch verdiente. Überhaupt lässt sich eines ganz
sicher anraten:
NIEMALS DAS MUNDSTÜCK VERÄNDERN, AUF DEM MAN GERADE SPIELT !
Sonst kann es leicht passieren, dass die letzte Tür hinter einem ins Schloss fällt und der Fluchtweg für immer
verschlossen bleibt.
So und nun viel Spass beim Kontrollieren oder eher beim Musizieren damit :
Peter Przybylla